Burgwallzeit
Die älteste slawische Geschichte nennen wir Altslawenzeit, die nachfolgende Periode des Frühmittelalters bezeichnet man in der Archäologie als die Burgwallzeit.
Die ersten Slawen sind auf unserem Gebiet etwa in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts angelangt. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts hat sich hier das sog. Reich des Samo herausgebildet, ein freier Stammesbund, der aufgrund des Widerstandes gegen die Awaren entstand, denen die Slawen untergeben waren. Dieses Gebilde zerfiel nach dem Tod von Samo. Das Awaren-Khaghanat, dessen Kern sich in Pannonien befand, repräsentierte die dominante Macht im Mitteldonaugebiet bis zum 9. Jahrhundert. Gegen das Khaghanat führte im Jahre 791 der fränkische König Karl der Große einen großen Kriegszug. Von diesem harten Eingriff hat sich das Awarenreich nicht erholt und ist untergegangen. In Ostmitteleuropa entstand somit ein Machtvakuum, dank welchem sich allmählich ein neuer Staat der Slawen herausbilden konnte: Großmähren. Dieses Gebilde expandierte aus den ursprünglichen südmährischen Zentren allmählich ins ganze Marchgebiet und anschließend eroberte es ausgedehnte Territorien. Im letzten Drittel des 9. Jahrhunderts, vor allem unter Fürst Svatopluk, wurde das Großmährische Reich zu einem wahren Hegemon im Ostmitteleuropa.
Die Slawen besiedelten die Fundstelle von Chotěbuz-Podobora ungefähr in der Mitte des 8. Jahrhunderts, d. h. etwa 1200 Jahre nach dem Untergang des hallstattzeitlichen Burgwalls. Chotěbuz zählte zu einer lokalen Gruppe von oberschlesischen Burgwällen. Außer Chotěbuz handelte es sich noch um Kamieniec, Skočov, Landek, Kylešovice, Hradec, Mokre, Víno, Komorno und vor allem das große Hauptzentrum in Lubom. Was es die Stammesangehörigkeit dieser Slawen angeht, werden am meisten die Golensizen in Betracht gezogen. In diesem Kontext liegt Chotěbuz eher am Rande des umrissenen Territoriums. Die Forschungen zeigen außerdem, dass das rechte Ufer des Flusses Olsa deutlich dichter besiedelt war als das linke. Zusammen mit den anderen kleineren Burgwällen spielte Chotěbuz also vermutlich die Rolle einer vorgeschobenen kleineren Festung des Lubomer Zentrums, das von einem Wehrring aus den anderen Siedlungen umgeben war.
Wussten sie, dass:
Über diesen Kriegszug informiert uns die Legende über das Leben des Hl. Method. Sie berichtet davon, dass der Fürst der Wislaner die Taufe abgelehnt habe, was Svatopluk als ein Vorwand gedient haben könnte, um eine Militäraktion zu organisieren. Die Legende repräsentiert mit ihrem Genre zwar kein historiographisches Werk, die Beschreibungen konkreter ähnlicher Ereignisse beruhen jedoch vermutlich auf Wahrheit.
Die Slawen haben die Geländereste der hallstattzeitlichen Befestigung ausgenutzt: sie haben die Wälle erhöht, mit einer hölzernen Wehrmauer versehen und teilweise erweitert. In dieser ersten Phase der frühmittelalterlichen Besiedlung existierte der Burgwall ungefähr hundert Jahre, bis es zu einem gewaltsamen Eingriff von draußen gekommen ist. Die Ereignisse können mit dem vorausgesetzten Angriff der großmährischen Armee auf den Stammesbund der kleinpolnischen Wislaner in den 880er Jahren zusammenhängen. Ein solcher Kriegszug hätte durch das von uns behandelte Gebiet durchgehen müssen. Und tatsächlich, die Belege für einen gewaltsamen Untergang findet man auch in den anderen oberschlesischen Burgwällen einschließlich desjenigen in Lubom. Der Umfang der Destruktion innerhalb der ganzen Region verweist auf eine größere Militäraktion, zu welcher Großmähren fähig war.
Chotěbuz-Podobora ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich, da es nicht zerstört wurde. Die Interpretation der Fundsituationen in Bezug auf die Fortifikation zusammen mit den Funden der Gegenstände großmährischer Herkunft deuten an, dass der Burgwall verschont blieb. Dies hängt vermutlich mit den Machtambitionen des Großmährischen Reichs zusammen – unsere Fundstelle repräsentiert nämlich einen guten Stützpunkt für die Kontrolle über den hiesigen Teil Schlesiens.
Wussten sie, dass:
Zu den Sonderfunden aus dieser Fundstelle zählt ein perfekt erhaltener Denar des ungarischen Königs Stephan (997-1038). Interessant ist er dadurch, dass er im Untergangshorizont des Burgwalls gefunden wurde – das heißt, dass er an diesen Ort entweder nach dem Untergang des Burgwalls, oder in den letzten Jahren seiner Existenz gelangte. Er hilft somit die ungefähre Untergangszeit festzusetzen und belegt gleichzeitig, dass die Handelswege entlang des Flusses Olsa weiterhin durch die Region geführt haben.
Die mächtigen Untergangsschichten, die während der archäologischen Ausgrabungen entdeckt werden, würden dann mit dem Zusammenbruch des Machtsystems von Großmähren zusammenhängen, der nach dem plötzlichen Zerfall des Reichs in den ersten Dekaden des 10. Jahrhunderts infolge der inneren Probleme und der Überfälle der Magyaren auf Südmähren eingetreten ist. Mit dem Zerfall des Reichs ist die hiesige Besiedlung jedoch nicht untergegangen – auch nach der Mitte des 10. Jahrhunderts erscheinen im archäologischen Fundmaterial Belege des Lebens im Burgwall. Die Fundstelle hat jedoch nie mehr ihre frühere Bedeutung erreicht. Als lebensfähiger hat sich die naheliegende Siedlung auf dem Schlossberg auf dem anderen Flussufer erwiesen. Hier etablierte sich allmählich ein Burgwall, der zur Grundlage der späteren Burg und Stadt Teschen (Cieszyn) wurde. Die Siedlung von Chotěbuz ist somit etwa in der Mitte des 11. Jahrhunderts durch ein allmähliches Verlassen des Ortes definitiv untergegangen.
